Hamburger Abendblatt vom 16.11.2016

Sprachlos nach einem Sensationserfolg

Von Norbert Scheid
Nach der Siegerehrung freuen sich „The Team“ und Cheftrainerin Franziska Becker (r.) über die soeben überreichte DM-Bronzemedaille

Lateinformation von Blau-Weiss Buchholz braucht einige Tage, um Gewinn der Bronzemedaille bei deutscher Meisterschaft zu realisieren.

 
 

Buchholz.  Damit auch Außenstehende die großartige Leistung der Buchholzer Formationstänzer einschätzen können, sei ein Vergleich erlaubt. Auch das Lateintanzen der Formationen hat in Deutschland seinen FC Bayern. Die Großmacht heißt Grün-Gold Club Bremen, ist auf die deutsche Meisterschaft abonniert, sogar amtierender Weltmeister und gleich mit zwei Teams in der ersten Bundesliga vertreten. Dahinter besetzen fast seit Jahrzehnten die besten Tänzer aus Aachen, Düsseldorf und Velbert/Bochum die weiteren Spitzenpositionen.

Vor zehn Jahren aber wurde in der Tanz-Diaspora Buchholz das erste, ganz junge Lateinteam aufs Parkett geschickt. Ihre Nachfolger sind heute das jüngste Team der Bundesliga und haben bei der deutschen Meisterschaft 2016 in Bamberg die Machtverhältnisse kräftig durcheinander gewirbelt. Im großen Finale vor rund 3000 Besuchern ertanzten sich die Buchholzer die Bronzemedaille.

Das gilt nicht nur unter den Tanzenthusiasten in Deutschland als größte Sensation. „Nach nur zehn Jahren sind wir im Konzert der ganz Großen angekommen“, jubelt der Mann, der als Motivator und Organisator entscheidenden Anteil am rasanten Aufstieg hatte. Und Hansgeorg von Thun fügt hinzu: „Im Finale haben sie so befreit, so voller Freude und Lust getanzt. Von dieser grandiosen Leistung haben sich nicht nur die etwa 50 Buchholzer Fans, davon hat sich die ganze Brose-Arena in Bamberg mitreißen lassen.“

„Diese sechs Minuten Kür mit völlig neuer Musik und neuer Choreographie sind ein wahnsinnig fragiles Konstrukt“, erläutert Franziska Becker, die energische und doch so einfühlsame Cheftrainerin. „Wir haben fast ein Jahr daran gearbeitet. Aber in der Vorrunde gab es doch leichte Unsicherheiten.“ Blau-Weiss Buchholz erreichte trotzdem die Zwischenrunde der besten sechs, hatte damit schon zwei Formationen hinter sich gelassen. „Auch unser Auftritt in der Zwischenrunde hat nicht wirklich Sicherheit gebracht. Aber wir waren im Finale der Besten vier. Wir hatten unser gestecktes Ziel erreicht.“

Damit war der größte Druck gewichen. „Aber wir haben uns geschworen, jetzt noch einmal alles, jetzt unser wirklich Bestes zu geben“, schildert Dustin Dreyer, der 27-Jährige, der als einziger Tänzer seit den Anfängen in Buchholz dabei ist, das Selbstbewusstsein vor dem Finale. „Als wir später auf der Anzeigentafel lesen konnten, dass wir Bronze gewonnen haben, kam nicht einmal richtiger Jubel auf. Wir konnten es einfach nicht fassen.“ Nur der Abonnementsmeister und Weltmeister, das A-Team von Grün-Gold-Club Bremen (35,914 Punkte), und die Formationsgemeinschaft Bochum/Velbert (34,000) wurden höher bewertet als Buchholz (32,743).

Natürlich hätten sie hinterher gefeiert, lange und ausgiebig. „Aber selbst die Rückfahrt war eher andächtig“, berichtet Franziska Becker. „Wir sind alle noch ein bisschen sprachlos. Wir brauchen noch ein paar Tage, um zu verinnerlichen, wo Blau-Weiss Buchholz inzwischen angekommen ist.“

Bei der Heimkehr machten Björn Poll, der Abteilungsleiter der Lateintänzer, und sein Vorgänger Hansgeorg von Thun daheim die Freunde mobil. Es war dunkel, als die beiden Kleinbusse mit den Bronzemedaillen-Gewinnern am Clubhaus vorfuhren. Auf dem Asphalt war mit brennenden Kerzen groß „The Team“ geformt worden. So heißt auch die neue Erfolgskür der Buchholzer, in der die Faszination und die Emotionen des tänzerischen Zusammenspiels der acht Paare zusammen gefasst sind.

Heute, am Mittwochabend, sitzen die Trainer und Sportler beim Essen zusammen. Nach ein paar Tagen Ruhe wird dann wieder der Schweiß fließen, es gibt Korrekturen und Anfeuerungen. Am 14. Januar starten die Buchholzer in Bremen in ihre dritte Bundesligasaison. Am Sonnabend, 28. Januar 2017, ist der große Abend in der Nordheidehalle. Die Zuschauer können beim Bundesliga-Heimturnier in Buchholz live miterleben, was bei der deutschen Meisterschaft so viele begeistert hat.

„Natürlich ist unser dritter Platz in Bamberg eine Standortbestimmung für uns und auch für unsere Konkurrenten“, blickt Franziska Becker nach vorn. „Wir werden weiter hart arbeiten, sehen, was schon gut war und was wir noch verbessern können. Wir Tänzer arbeiten ja immer abgeschottet von Hallentüren unsere neuen Programme aus. Der überraschende dritte Platz ist natürlich ein guter Start auch für die Bundesliga. Diesen tollen Erfolg müssen wir jetzt stabilisieren.“

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