Hamburger Abendblatt vom 31.12.2016

Latin Kids trotzen dem Lampenfieber

Von Norbert Scheid
 
 Jüngste Tanzformation von Blau-Weiss Buchholz präsentiert sich bei Generalprobe in der Nordheidehalle.
 

Buchholz.  Beim Einzug in die Nordheidehalle treten die Mädchen und Jungen mit ausgebreiteten Armen vor ihr Publikum auf der voll besetzten Tribüne. Jedes der sieben Paare der Latin Kids, so nennt sich die jüngste Tanzformation von Blau-Weiss Buchholz, hält sich an der Hand. Applaus prasselt auf die Kinder und Jugendlichen nieder, noch ehe sie die ersten Tanzschritte wagen. Es sind die Eltern und Großeltern, die Freundinnen und Freunde, die den jüngsten Buchholzer Formationstänzern deren Aufgeregtheit und Nervosität am liebsten wegklatschen wollen.

Denn noch haben diese Tanzeleven nur einmal im Jahr die Gelegenheit, vor fast 1000 Zuschauern aufzutreten. Auch diesmal hatte dieser Freundeskreis der Neun- bis Fünfzehnjährigen bei der gemeinsamen Generalprobe aller Lateinformationen von Blau-Weiß Buchholz ihren großen Abend. Und die meisten von ihnen haben das erste Mal erlebt, was Lampenfieber bedeutet. Und die Freunde und Anhänger des Tanzsports auf den Rängen haben miterlebt, wie lang und mühevoll der Weg von den Latin Kids vielleicht bis ins A-Team der ersten Bundesliga ist.

Die meisten der Anfänger müssen sich noch sehr auf die einzelnen Schritte konzentrieren, verheddern sich im Gleichklang mit der Partnerin oder im Gesamtbild der Formation. Aber wenn eine schnelle Drehung, wenn der erste getanzte Wirbel gelingt, sind die Freude und gute Laune in den Gesichtern zu erkennen.

Dass man in Buchholz Mädchen und Jungen schon sehr früh fürs Formationstanzen begeistert, gehört zum Erfolgsrezept des Buchholzer Tanzwunders. Von den Latin Kids streben die Mädchen und Jungen höher in das Landesliga-Team, können weiter in die Oberliga, die zweite und mit ganz großem Ehrgeiz und Fleiß in die erste Bundesliga aufsteigen.

„Von der D-Formation in der Landesliga bis zum A-Team in der 1. Bundesliga kommen unsere Tänzer zum größten Teil aus Buchholz und der Heimatregion“, sagt Cheftrainerin Franziska Becker. „Diese Aufbauarbeit von unten ist unser erfolgreiches Konzept. Und unsere Latin Kids sind eine ganz tolle Gruppe.“

Was wiederum auch den Erfolgen der Spitzentänzer zu verdanken ist. Der sensationelle dritte Platz der A-Formation bei der deutschen Meisterschaft verschaffte dem Tanzsport noch mehr Ansehen und Akzeptanz. Und das braucht dieser Hochleistungssport noch immer.

Tanzen, das ist für die meisten Menschen noch immer Geselligkeit und Partyspaß. Und wird als Sport vor allem von Jungen noch immer bespöttelt und verschmäht. Das ist eine typisch deutsche Eigenart“, betont Franziska Becker.

„In den Ländern Osteuropas sind auch Schuljungen begeisterte Tänzer und die italienischen Männer sowieso“. Auch die populäre und leistungsstarke Latein-Sparte von Blau-Weiss Buchholz plagt sich immer wieder mit diesem Problem herum.

Zum Landesligateam beispielsweise gehören 18 Mädchen aber nur acht Jungen. Auch bei den Latin Kids sind die Mädchen in der Überzahl. Dabei können die Jungen, wenn sie vom Fußball, Karate oder Tischtennis aufs Tanzparkett wechseln, inzwischen Anerkennung sogar bei ihren Freunden finden. Wie der 15 Jahre alte Tom Gehrke.

„Das ist ja cool, haben sie auch in der Schule gesagt“, erzählt er. Tom geht in Winsen zur Schule, gehört seit einem Jahr zu den Latin Kids und ist von seinem Freund Lennart Heise fürs Tanzen begeistert worden. In seiner Klasse 9e der Gesamtschule in Buchholz sitzen gleich vier Freunde aus der Latein-Talentschmiede von Blau-Weiss Buchholz

Dass sich Jungen auf dem Tanzparkett grundsätzlich schwerer tun als Mädchen und ihnen die geschmeidigen Bewegungen schwerer fallen, dass sie größere Probleme haben als Mädchen, sich selbst darzustellen und zu präsentieren, glaubt Franziska Becker aber nicht. „Das sind alles nur Vorurteile“, wehrt die Cheftrainerin energisch ab.

„Jungen lernen genausoschnell wie Mädchen ihren ganzen Körper nach dem Rhythmus der Musik zu bewegen. Und sie finden genau so viel Spaß daran. Dazu gibt es bei unserem Sport ja auch die soziale Komponente. Im Team, in der Gruppe kommen sich Mädchen und Jungen näher. Gelegentlich gibt es auch erste Liebeleien. Gerade Jungen werden oft viel befreiter im Umgang mit Mädchen“.

Dann erzählt Franziska Becker, wie einer ihrer jungen Bundesligatänzer es auf den Punkt brachte. „Früher war ich in der Schule der uncoolste, der schüchternste Junge von allen. Seit ich tanze, bin ich der coolste Typ in der Klasse.“ Tom Gehrke, der 15-Jährige aus Winsen, hat fünf Jahre Schlagzeug gespielt. Schüchtern war er nie. „Aber seit ich tanze, achte ich viel mehr auf meine Haltung. Ich bin auch disziplinierter geworden und insgesamt doch sicherer in meinem Auftreten“.

Uwe Oentrich, der vor 13 Jahren mit seiner Frau in Buchholz die erste Lateinformation aufbaute, ist Ausbildungsleiter bei Mercedes in Bremen. „Bei Vorstellungsgesprächen wären junge Formationstänzer bei mir immer im Vorteil“, hat er einmal gesagt. „Ihre Disziplin, ihr Teamgeist, ihre ganze Haltung und ihr Auftreten – das alles hilft beim Weg ins Berufsleben.“