Hamburger Abendblatt vom 03.03.2017

Trainerin lebt den Tanzsport vor

Von Norbert Scheid
 
Jubel über den dritten Platz der Lateinformation von Blau-Weiss Buchholz. Die Trainer Franziska Becker und Nick Dieckmann liegen sich in den Armen

 

Buchholz.  Immer wieder gibt es diesen Augenblick angespannter Stille, wenn Deutschlands besten Lateinformationen zum Wettstreit in der Bundesliga aufmarschiert. Wie beim Heimturnier in der ausverkauften Nordheidehalle, als die Lokalmatadore von Blau-Weiß Buchholz mit Franziska Becker an der Spitze Einzug halten. Während die Tänzer für Sekunden verharrten, nimmt die Chefin auf dem Stuhl Platz, der für die Trainer reserviert ist.

Angespannt sitzt Franziska Becker da, den Rücken steif, ihre Tänzer fest im Blick. Dann setzt die Musik ein und die Frau auf dem Stuhl reagiert wie elektrisiert. Ihr Oberkörper schießt nach vorne. Sie breitet die Hände aus, zieht sich zurück. Ihr Körper, die ganze Person biegt sich und schwingt im Rhythmus der Musik. Sie treibt ihre Schützlinge an, fordert Kraft und Temperament und Lebensfreude. Spätestens beim letzten Takt der Musik spring Franziska Becker auf.

Eigentlich ist es schade, dass die Zuschauer in ihrem Rücken davon nichts mitbekommen. Dem widerspricht die junge Frau, die so großen Anteil am bundesweiten Erfolg der Buchholzer Lateinformationen hat. Franziska Becker: „Die Aufmerksamkeit und die Freude der Zuschauer gehören ganz und gar unseren Tänzern. Auch wir Trainer sind in diesen sechs Minuten einzig und allein nur für unsere acht Paare da. Wir gehören nicht in den Mittelpunkt“, sagte sie über die Rolle der Übungsleiter.

„Ein anderer Eindruck würde ja auch unsere ganze Arbeit verzerren.“ Die Auftritte bei den Bundesligawettkämpfen nennt sie eine „stilisierte Maskerade“. Becker: „Die stundenlange Vorbereitung, das Schminken, all der Glitzer und Glamour, sind doch nur die fröhlich schöne Fassade. 99 Prozent unseres Sports betreiben wir doch ungeschminkt und schwitzend in einer Turnhalle“.

Die Zuschauer dieser tollen Tanzturniere mögen das gern vergessen. Sollen sie ja auch und sich nur freuen und die Darbietungen genießen. Die Gefahr dabei aber ist, dass der Tanzsport, selbst durch erste und zweite Bundesliga geadelt, von vielen noch immer nicht als Hochleistungssport anerkannt und gewürdigt wird.

Was Tanzen für Franziska Becker bedeutet, lässt sich einfacher formulieren – es ist sicher der prägendste Teil ihres Lebens. „Ich bin da sozusagen reingeboren worden“, bekräftigt die Buchholzer Cheftrainerin, die auch Tanz-AGs in Buchholzer Schulen betreut. „Meine Eltern sind Tanzlehrer. Mein Vater hat seine Tanzschule in Achern in Baden-Württemberg.“ Die Mama ist eine begehrte Schneiderin für die farbenfreudigen und kreative Outfits in der Tanzsportszene.

„Ich selbst habe alles gleich gerne getanzt“, erzählt die Frau, die bei Turnieren fast immer in schwarz gekleidet ist, als Kontrast zu den meist bunten Kostümen der Tänzerinnen. „Selbst Walzer und Tango, also die Standardtänze“. Auch Latein hat sie mit einzelnen Partnern vor allem aber auch in der Bremer Formation betanzt. Und dort bis hoch zu Weltmeisterehren.

Uwe und Sabine Oendrich, die gemeinsam mit Hansgeorg von Thun vor 12 Jahren das Tanzwunder in Buchholz starteten, knöpften 2010 erste Kontakte zu der selbstbewussten jungen Trainerin. In der Saison 2012/2013 wurde sie als Cheftrainerin verpflichtet. Zuerst kam die Neue im Buchholzer Trainerstab einmal in der Woche von Bremen angereist, inzwischen fast täglich.

„Da mein Mann in Cuxhaven arbeitet, bleiben wir in Bremen wohnen“, erzählt Franziska Becker. „Ich arbeite sehr strukturiert und akribisch, bin zielbewusst und ausdauernd und wenn nötig auch leidensfähig für die Sache“, erzählt sie über sich.

Bei all dem sei sie immer auch kompromissfähig. „Wenn man über Jahre so eng im Team zusammenarbeitet, bekommt man ein Gespür dafür, wann man die Leine locker lassen und mehr Ruhe zulassen muss. In der heißen Phase vor Meisterschaften muss hundert Prozent Einsatz kommen. Aber es muss auch Raum für Privates bleiben. Deshalb trainieren wir grundsätzlich nur dreimal in der Woche.“

Manchmal platzt ihr auch der Kragen. „Das kommt Gott sei Dank aber immer seltener vor“, sagt sie und lacht. „Wenn eine Tänzerin oder ein Tänzer Kummer und Sorgen hat, sehe ich das schon, wenn sie oder er die Halle betritt.“ Tanzen, sagt sie, ist ein ursprünglicher Ausdruck von Gefühlen. Mit der Bewegung zur Musik kann jeder zeigen, wie er gerne sein möchte. Deshalb mache ihr die Arbeit mit Schülerinnen und Schülern auch so besonders viel Spaß.

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